Alltag

I’m a survior.

Dein Hund ist krank, hat Angst oder ist verletzt. Dann bist du es auch. Du hast Angst um deinen kleinen Liebling, du fühlst dich mit ihm krank und kannst den Schmerz mit empfinden. Das habe ich in den vergangenen Jahren / Tagen mit Ari, noch viel deutlicher lernen müssen. Unsere gemeinsame Zeit, sein Leben war ein auf und ab und vor ein paar Tagen sollte es wieder einmal bergab gehen, dabei war alles wieder gut.

 


 

Ari, ein Name aus dem Hebräischen, der so viele Bedeutungen in den alten Sprachen hat. Der Helle, das Mehl oder der Hellhäutige, der Helle, der Löwe, der Tapfere, der Held, der Gelehrte … Mein Ari wird ihnen allen gerecht.

 

Hebräisch („arij“): Löwe

Kurdisch („ar“): das Mehl oder der Hellhäutige.

Armenisch („ar“): der Tapfere oder der Held.

 

Mein Nordlicht ist für mich der tapferste und beeindruckteste Hund, den ich jemals kennenlernen durfte. Mit einem Namen, dem er in allen Bedeutungen gerecht wird, egal in welcher. Er ist zu hell für seine Rasse, er ist ein kleiner Held und er ist unglaublich tapfer

 

Erst zu zweit, dann zu viert und dann allein.

Vor Ari teilte ich mein Leben mit: meinem ersten Hund Kenny (ein wuseliger Tri-Color brauner Border Collie), Vito (ein stolzer und fast unnahbarer Deutscher Schäferhund), Harro (mein Clown und Teddybär, auch ein DSH), Max (eine Heulboje an Deutschem Schäferhund mit viel Herz) und Votan (ein viel zu kleiner draufgängerischer und hibbeliger DSH). Die Fünf, ja sie waren alle besonders und ich werde ihnen niemals vergessen, wie sehr sie mein Leben bereichert haben. Niemals werde ich sie vergessen!

Doch als Ari kam, war mein Leben im Umbruch. Ich stand allein da, ohne mein Rudel und einsam. Kennst du das Gefühl dich nicht komplett zu fühlen und immer wieder ein Ziehen in der Gegend vom Solarplexus zu haben; und wenn dich jemand frägt, was denn los sei, kannst du es nicht richtig erklären, aber beginnst fast zu weinen? Ungefähr dieses Gefühl hatte ich beinahe ein Jahr lang und dann kam Ari.

Schmutzig, verängstigt und überfordert. So lernte ich ihn kennen, doch in nur wenigen Monaten veränderte Ari sich, er machte eine 180° Veränderung und das, so schien es mir, mit nur einem Wimpernschlag. Wir bereisten viele Länder, Orte und hatten so wundervolle Abenteuer gemeinsam. Ob es nur ein paar Kilometer von Zuhause weg war oder tausende von Kilometer von Deutschland entfernt, wir sind unzertrennlich. Ein kleines Feldbett, ein Zelt und ein Rucksack – unsere kleine Welt.

 

 

Wir gegen den Rest der Welt.

Ari begleitete mich überall hin. (Und wenn ich meine überall, dann meine ich das auch tatsächlich so.) Ob ich beim Paintball war, weit von Zuhause weg, in der Arbeit, im Urlaub oder beim Einkaufen. Er war dabei; und ich wollte auch nie ohne ihn sein.

Ich kann mir meine Welt nicht ohne dieses dreiste und liebenswerte Stück norwegischen Elchhund vorstellen.

Wer soll denn dann einem Güllewagen nach rennen, um sich mit einer unverschämten Freude im labberigen und stinkenden Strahl zu duschen? Ja, das hat er wirklich getan und wir hatten den „Walk of shame“ bis nach Hause. Mein Gott hat er gestunken, aber sein Blick, seine flatternde Zunge, seine Grübchen in den Mundwinkeln und sein wedelnder puscheliger Schwanz sagten mir, dass er es super gefunden hatte.

Ari und ich lernten uns vor etwas mehr als 6 Jahren kennen. Am 18.03.2012 sollte sich mein Leben komplett verändern, ich sollte viel über mich selbst lernen, ich sollte erkennen wir sehr nicht er mich gebraucht hatte, sondern ich ihn brauchte. Ari brachte mir so unglaublich viel über mich selbst bei und stellte mich immer wieder auf die Probe. (Wie sollte ich, zum Beispiel, die ganze Gülle aus seinem dichten Fell bekommen? *würg*) So einen Hund hatte ich vorher noch nie in meiner Nähe, in meinem Leben und in meinem Herzen

 

 

Falls du keinen festen Magen hast, Verletzungen nicht sehen oder beschrieben bekommen kannst, muss ich dich leider bitten diesen Artikel nicht weiter zu lesen. Ab hier werde ich ungeschmückt und wie es Realität ist, zeigen und erzählen.

 

 

„Ich bin ein Überlebender.“

Ari wurde von fremden Menschen geschlagen, getreten, mit Steinen beworfen und musste sich beschimpfen lassen. Ich stand niemals tatenlos daneben, ich sah niemals weg und ja, ich überschritt für meinen Hasen des Öfteren Grenzen. Von Vorfahren und Mütter beschimpfen, bis Androhung von Haue war alles dabei. Wenn es um meine Hunde geht, bin ich etwas drastisch, aber ich schäme mich nicht dafür für mein Rudel in Ausnahme Situationen alles zu tun, was nötig ist, um es zu schützen. Wer würde das nicht tun? Ich zumindest habe da keine Häme.

Warum das passierte? Das kann ich dir nicht erklären. Einmal schlug ein Mann mit seinem Regenschirm nach Ari, das andere Mal trat einer bei einer Veranstaltung nach meinem Nordlicht und ein anderes Mal warfen Kinder ohne Grund Steine nach uns. Ich kann mir das alles niemals erklären. Aber ich kann mit einem Lächeln sagen, dass sie es alle bereut haben.

 

Wie in einem low budget Film.

 

Im Sommer 2014 starb Ari beinahe an einer Vergiftung. Laut Tierarzt, in „unserer„ Tierklinik hatte Ari aus einer vergifteten Pfütze getrunken. Er überlebte, stand auf, schüttelte sich und lebte für weitere Abenteuer und mich weiter.

2016 hatte mein Plüschpopo eine Entzündung im Rücken und am Darm und litt stark unter Schmerzen. Aber auch das schaffte er und stand auf, schüttelte sich und lebte weiter. Für uns.

Im Sommer 2017 begann er krank zu werden. Anders krank als vorher, anders als alles, was ich in all meinen Jahren mit Hunden erlebt habe. Er nahm ab, verhungerte mir beinahe vor der gefüllten Schüssel, verlor mehr als 60 % seines Fells, hatte am ganzen Körper blutige offene Stellen, die eiterten und nicht verheilten, hatte unglaublichen Durst aber dehydrierte mit gefüllter Wasserschale und verlor, hatte Blut im Urin, im Kot und im Erbrochenen. Wir dachten er würde es nicht überleben. Das Herz war schwach, die Leber geschädigt und die Nieren am Rande des Versagens.

Wenn ich an solche Meilensteine denke, fühle ich mich wie in einem schlechten Film, der nicht genügend Geld für eine anständige Produktion hatte. Immer wieder so schwere Rückschläge, immer wieder so krasse Wendungen und so viel Pech. Habe ich irgendwann vergessen mich zu bedanken und nun bekommen wir das Karma zu spüren?

 

 

Veterinäre, Pathologen und Professoren.

 

Die LMU in München, Professor Dr. Müller und so viele andere Veterinäre halfen uns. Ich bin so dankbar für diese Aufopferung und die Zeit, die alle für uns gaben. Die Diagnose war nicht die Rettung, aber gab eine Aussicht auf Besserung. Sebadentitis, eine Krankheit, die kaum einer kennt, aber so gefährlich ist. Die Talgdrüsen werden durch Entzündungen irreversibel zerstört. Eine idiopathische Erkrankung, deren Ursache also unbekannt ist, die ein Hundeleben zerstören kann.

So ungeklärt die Ursache ist, so unbegreiflich ist auch, welche Begleiterscheinungen zur Sebadentitis kommen können.

In Aris Fall versagte die Bauchspeicheldrüse, Leber und Nieren wurden angegriffen und das Herz schwach. Die drastisch verschlechterte Wundheilung war zu dieser Zeit eines unserer kleineren Probleme, sie sollte uns bald ein viel größeres Problem bereiten.

Wir schafften es mit Medikamenten, Futter anpassen und wirklich intensiver Pflege (alles bis heute andauernd) Aris Leben zu retten. Und wieder stand er auf, schüttelte sich und überlebte.

 

 

Kurz vor dem Ziel.

 

In diesem Frühjahr brachte ein anderer Hund (den wir zuvor schon kannten) meinen Hasen beinahe um. Er schüttelte meinen halb nackten Hund fast zu Tode. Ari trug den gesamten Herbst, Winter und das Frühjahr eine Jacke und war mit Verbänden eingepackt. Das verhinderte damals schlimmere Verletzungen am Bauch, aber Hals und Gesicht waren übel zugerichtet. Er lag mehrere Tage mit Fieber, Herzrhythmusstörungen und schwach auf seinem Lieblingsplatz, unser Gästebett ist eher ein großes Hundekörbchen und das liebt er. Aber auch da stand er, auf schüttelte sich und lebte weiter. Für uns, für neue Abenteuer.

 

 

Sommer 2018, ein neues Leben.

 

Zu Beginn diesen Sommer ging es Ari besser also nicht nur besser, sondern richtig gut. Die kleine motzige Elchbiene stand abends wieder brummselnd im Flur und schimpfte, wenn ich meine Schuhe nicht schnell genug an hatte, um endlich zum Gassi gehen aufzubrechen. Er robbte wieder grummelnd über das Sofa und gönnte sich schnarchend und breit auf dem Rücken liegend sein Mittagsschläfchen. Er war wieder spielig drauf und brachte mir regelmäßig tolle Spielsachen um ein bisschen, darum zu raufen. Es war alles in Ordnung und beinahe wie vorher. Sein Fell sollte niemals komplett wieder kommen und er sollte niemals wieder ohne die Pflege auskommen, die er so unbedingt braucht.

Aber es war wieder alles so gut, dass ich aufatmen konnte. Ich hatte mich mit dem Gedanken angefreundet und eine Tasse Tee getrunken, dass Ari irgendwann vermutlich unter einem erneuten Schub der Krankheit leiden würde und ich ihm dann, aber erst dann, ein würdevollen und unvergesslichen letzten Tag schenken würde. Dieser Gedanke tröstete mich und gab mir Ruhe.

 

 

In 30 Minuten kann viel passieren.

 


23:00

Das Rudel, Matze und ich waren zu unserem typischen Abendpipi aufs Feld, nicht weit von unserem Zuhause, unterwegs. Alles war wie immer: Baldur patrouillierte ca. 10/20 Meter vor uns die Gegend ab und bepieselte den ein oder anderen Grasbüschel. Zwischen drin kam er immer wieder zu uns zurück und grinste wie immer über das ganze Gesicht. (Mein Sonnenschein Malinois hat aber auch selten schlechte Laune und ich stets mit dem was er hat glücklich.)

Phelan tingelte neben uns her, knurrte Blätter an und versuchte Motte zu fangen. Mit seinen 4 beinahe 5 Monaten ist der Mini für so kleine Dinge schnell zu begeistern.

Matze hatte Aris Leine in der Hand und redete mit mir, während der Hase wie immer höchst beschäftigt die Abendzeitung am Wegrand las. (Ari darf abends nicht von der Leine, da uns die Gefahr zu groß ist, dass er etwas zum Jagen findet.) Wir fünf liefen also wie immer die kleine Straße zum Feld entlang.

 

Plötzlich rannte das Nordlicht abrupt einer Katze, die etwas entfernt rumhuschte, hinterher und Matze konnte die Leine nicht halten. Ich muss kurz erwähnen, dass das in all den Jahren noch nicht einmal vorgekommen ist und ich keine Erklärung habe, wie es passieren konnte. Ari rannte von der kleinen Straße, auf der wir waren, vielleicht 30 Meter über ein kurzes Wiesenstück und schlug auf dem nächsten angrenzenden Bordstein auf. Er schrie in Todesangst und rührte sich nicht.

 

Sein Hinterlauf war skalpiert. Die Haut und viel Gewebe waren grotesk wie ein Strumpf vom Bein abgetrennt und hingen in Lappen unterm Sprunggelenk. Blutig und nackt war der Hinterlauf oberhalb des Knies gepellt.

23:09

Matze trug Ari die zum Glück so kurze Strecke bis nach Hause und ich rannte mit den Malinois vor um sie nach Hause zu bringen und das Auto zu holen. Wir mussten schnell sein. Das Bein und das Leben unseres Hundes hingen davon ab.

In einem Moment wie diesem macht dein Körper etwas sehr Nützliches. Du hast keine Schmerzen, keinen Hunger oder Durst. Du funktionierst automatisch und bist zu höchst Leistung bereit. Leider kenne ich meinen Körper in solchen Augenblicken viel zu gut. Was uns aber gerade am Freitag geholfen hat. Matze war ebenso dank Adrenalin und sonstigen Körperreaktionen rational und konzentriert.


23:32

Innerhalb keinen 30 Minuten war Ari im Auto und das Bein eingewickelt, meine Mutter angerufen (um Baldur und Phelan abzuholen), Markus (einer unserer „Mitbewohner“ im Haus) alarmiert nach den beiden anderen zu gucken bis meine Mutter da sein würde und wir in unserer Tierklinik. Dort wurde sofort die Lage analysiert und mein Elkie in Narkose gelegt, damit er keine Schmerzen mehr haben musste.

Ich vertraue den Ärzten dort. Ich bin seit so vielen Jahren in dieser Tierklinik und sie haben so oft schon das Leben meiner Hunde gerettet oder ihnen bei kleineren Krankheiten geholfen. Aber in einer Situation wie dieser hast du blanke Angst.

Um 23:52 gingen wir aus der Tierklinik und seitdem habe ich meinen Hasen nicht wieder gesehen. Nachdem wir unseren Schock, der nun doch abflachte und alles realer wurde, verarbeitet hatten, fuhren Matze und ich nach Hause. (Baldur und Phelan waren über Nacht bei meiner Mutter.) Und ich machte mich auf eine Nachtschicht gefasst.


4:15

Endlich kam der Anruf. Die Ärztin gab mir Bescheid, dass sie fertig mit operieren waren und Ari nun schlafe. Es sehe schlecht aus, sie wüssten nicht, ob das Gewebe halten würde und sein Zustand sei kritisch. Wir sollten am nächsten Tag mit Futter und Medikamenten vorbei kommen, um alles Weitere zu besprechen.

 

 

Leben und Überleben.

 

Ich habe meinen Hasen nun seit Freitagnacht nicht gesehen und die Prognosen stehen leider nur hoffnungsvoll.

Die Klinik wurde von drei Ärzten gegründet. Die drei „Chefs“ haben immer wieder wechselnde Ärzte und Vet. Studenten bei sich zu Gast. Um Ari hat sich eine der Ärzte gekümmert, die die Klinik gegründet hat. Ich halte viel von ihr und hoffe, dass sie meinen Buben nicht aufgeben wird.

Gestern waren wir also in der Klinik und haben die Nachricht bekommen, dass sein allgemeiner Zustand stabil sei und er wohl schon einen Tag danach versuche auf dem Bein zu stehen. (Schmerzen hat er keine, dafür wird gesorgt.) Leider stehen aber unsere Chancen nicht sonderlich gut, dass das Gewebe, das übrig ist und geflickt werden konnte, anwächst. Die Wundheilung von Ari macht es uns da nicht leichter und die Ärzte sind besorgt. Momentan geht es, laut Ärztin, darum Aris Leben zu retten und das Bein, wenn möglich, zu erhalten. Das werden wir leider erst in den kommenden Tagen herausfinden können.

Ich werde jeden Tag neue Nachrichten bekommen und darf meine norwegische Schönheit am Montag (also Morgen) sehen.


 

Was diese Verletzung verursacht hat, können wir leider nur spekulieren. Wir haben später alles abgesucht, denn an ihm selbst war nichts. Die Ärzte vermuten eine Schlingenfalle, die ein krankes A*schloch ausgelegt hat. Das würde die schwere, tiefe und heftige Verletzung erklären.

Hab jetzt bitte keine Angst deinen Schnuffel abends über eine Wiese laufen zu lassen. Ich denke nicht, dass es so häufig vorkommt, dass ein verrückter Hundehasser auf eine so kreative und kranke Idee kommt. Leider hat es uns erwischt und wir müssen und müssen nun mit den Folgen überleben.

Jede Stunde denke ich an ihn, jede Minute vermisse ich ihn und jeden Tag hoffe ich, dass das ein Albtraum war.

 

Dieser Hund ist schon einmal durch die Hölle spaziert und kam wieder raus.

 

Ari ist stark, zäh und tapfer. Er ließ sich die vergangenen Jahre ohne auch nur ein Geräusch alle Wunden versorgen, hat aufmerksam beim Blutabnehmen zugesehen und konnte sogar ein Lächeln zeigen, als ein Tierarzt ihm ohne Narkose die Blase punktiert hatte. Wenn einer das schaffen kann, dann ist das mein Nordlicht.

 

 

Er stand auf, schüttelte sich und lebte weiter.

 

 

the small pack

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Bloggerin, Hundemama und kreativer Kopf

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